Jeder kennt vermutlich das Klischeebild des typischen Mannes – immer stark, immer laut und niemals Schwäche zeigend. Doch nicht nur Männer wenden diese Form von Selbstschutz strategisch an. Die Vermeidung von Verletzlichkeit ist einer der häufigsten Verhinderer von persönlicher Weiterentwicklung. Wer Verletzlichkeit vermeidet, vermeidet nicht nur das was weg tut, sondern auch das er wirklich will und deshalb kann die Grundfrage „Wo will ich eigentlich hin“, die vor jeder Weiterentwicklung beantwortet werden muss, gar nicht beantwortet werden.

Um diese Thematik dreht sich der heutige Beitrag.

Was ist Verletzlichkeit

Mit Verletzlichkeit meinen wir unsere inneren Bedürfnisse. Wenn wir unsere inneren Bedürfnisse im Großen und Ganzen nicht befriedigen, müssen wir dies irgendwie bewältigen. Dabei wird die Existenz unseres Bedürfnisses aus unserer Aufmerksamkeit verdrängt, sodass wir damit leben können. Wird uns das Bedürfnis dann erneut klar, so sind wir verletzt. Wir fühlen uns ertappt und ganz nackt, vielleicht sogar beschämt.

Deshalb sprechen wir von Verletzlichkeit – es sind unsere innersten, meist frühen Bedürfnisse, aus der unsere Motivation für grundlegendste Entscheidungen herrühren.

Verletzlichkeit ist Schwäche?

Leider herrscht in unserer Gesellschaft ein falsches Bild von Verletzlichkeit. Uns verletzlich zu machen – also unsere innersten Be dürfnisse und Wünsche zu teilen – das wird als unangemessen, zu intim oder gar als schwach wahrgenommen. Das sehen wir bei herziq vollkommen anders.

Um beim Klischee zu bleiben nehmen wir beispielsweise einen Mann, welcher sich nicht verletzlich macht. Diesem Mann ist sehr wichtig, die wahren Gefühle und Bedürfnisse in sich nicht zu zeigen, nie zu kommunizieren und er zeigt sich dagegen immer gut drauf, immer stark. Wenn er an jemandem Interesse hat, dann versucht er dies zu verdecken und letztlich so cool wie möglich rüber zu kommen – so als hätte er gar nicht so viel Interesse.

Dieser Mann versucht beispielsweise eine Frau zu beeindrucken, indem er möglichst selten zurück schreibt, oder nur wenn sie zuerst geschrieben hat. Er versucht auch, sie zu beeindrucken, indem er seine Stärke durch materialistische oder körperliche Eigenschaften demonstriert. Dabei ist es ihm wichtiger, was andere von ihm denken, als das was er in sich fühlt.

Ein Mann der seine Verletzlichkeit zeigen kann, kann sein Interesse klar und deutlich ausdrücken und verzichtet auf Spielchen. Sein Glaubenssatz ist, dass es ist okay ist verletzt zu werden, denn durch sein zeigen seiner echten Bedürfnisse und wahren Gefühle demonstriert er, dass es ihm wichtiger ist für seine eigenen Bedürfnisse einzustehen, als eine Verletzung zu vermeiden.

Aus diesem Grund sehen wir die Demonstration von Verletzlichkeit und einen offenen Umgang als Stärke an und werben dafür.

Folgen von der Vermeidung von Verletzlichkeit

Wenn wir, wie in unserem Beispiel erwähnt, Verletzlichkeit vermeiden, hat dies diverse Auswirkungen, zuallererst hat dies innere Auswirkungen. Wenn wir Verletzlichkeit vermeiden, vermeiden wir diese meist uns selbst gegenüber. Dies ist der Grundstein ein Leben zu leben, welches nicht an unseren Bedürfnissen orientiert, sondern an Anderen Dingen orientiert ist.

Es fällt uns dann schwer unsere Bedürfnisse & Grenzen zu kommunizieren und somit überhaupt intime Bindungen einzugehen. Die Menschen die wir so in unser Leben ziehen, sind Menshcen welche ebenfalls Verletzlichkeit vermeiden wollen. Deshalb sind unsere Beziehungen flach und nicht besonders intensiv. Der Vorteil davon ist, dass es sich mit dieser Oberflächlichkeit auch besonders einfach leben lässt. Deshalb funktionieren Arbeitsbeziehungen unter Männern auch oft ganz gut, da diese an der Oberfläche des Pragmatismus verweilen.

Wenn es darum geht unser Leben nach unseren Bedürfnissen zu gestalten, und insbesondere mit psychischen Problemen umzugehen, sind wir hoffnungslos überfordert, wenn wir ein Leben lang trainiert haben unsere Bedürfnisse zu unterdrücken. Hans Joachim Maaz spricht dann von einem Gefühlsstau. Dieser Gefühlsstau kann klar messbare Symptome erzeugen, wie Schlaflosigkeit, Nervosität und körperliche Krankheiten.

Wie alle Schutzstrategien funktioniert die „Schutzstrategie: Verletzlichkeit vermeiden“ zwar und ist auch ein gewisser Mainstream unserer Gesellschaft, doch unsere Lebensqualität kann so ihr Potenzial nicht entfalten.

Folgen des Zeigens von Verletzlichkeit

Beginnen wir unsere Verletzlichkeit zuzulassen, so senden wir ein sehr starkes Signal an uns selbst, nämlich dass diese Bedürfnisse endlich erhört werden. Wir entscheiden uns dafür, dass unsere eigenen Bedürfnisse wichtiger sind, als die in der Vergangenheit einmal sinnvolle Strategie Verletzlichkeit besser zu vermeiden. Insbesondere wenn wir früher immer stark sein mussten, so wird uns jetzt klar, dass wir uns so zeigen können wie wir sind.

Nur wenn wir das tun, haben wir überhaupt die Chance Menschen zu treffen, welche diese Bedürfnisse auch erfüllen wollen, denn im Gegensatz dazu hätten wir diese mit unserem abweisenden Verhalten vorher abgeschreckt. Immer wenn wir uns auf diese Weise öffnen, entsteht einerseits das Potenzial für tiefere Beziehung, andererseits auch automatisch die Notwendigkeit diese aufwändiger zu pflegen, schließlich werden andere Menschen unseren tiefsten Bedürfnissen mit einer gewissen Gravitas begegnen.

Unsere Beziehungen werden also tiefer, intensiver und wesentlich intimer – haben aber auch mehr Hingabe und ein gewisses emotionales Risiko auch wirklich verletzt zu werden.

Fazit

Aus unserer Sicht sollte unsere Grundhaltung sein uns unsere Bedürfnisse einzugestehen – auch wenn dadurch die Beziehung zu uns selbst anstrengender wird. Nur ein Leben entlang unserer Bedürfnisse und Grenzen wird auch unserer eigenen Individualität gerecht. Das Geschenk unserer Individualität ist einmalig und verleiht uns Würde – diese individuellen Bedürfnisse wegzuwischen wird uns selbst nicht gerecht.

Diesen Nachzukommen ist ein Leben von einer höheren Qualität, und unser Anliegen.

Tags:

No responses yet

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.