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Fitnessuhren, Kalorienzähler und Sporttracking-Apps erleben einen Boom. Immer mehr Produkte zum Nachverfolgen von eigenen Verhaltensweisen, kommen auf den Markt. Einerseits gibt es durch Smartwear und Smartphones, die technischen Möglichkeiten dazu, andererseits gibt es aber auch eine hohe Nachfrage nach solchen Produkten. Wir wollen uns in diesem Artikel einmal damit beschäftigen, was Tracking ist, woher diese Nachfrage herrührt, was uns das Tracking innerlich gibt und was es uns nicht geben kann.

Was ist Tracking?

Das Tracking ist eine Form der Erfassung, Anzeige und mitunter auch der Analyse unseres Verhaltens, welches wir aus gemessenen oder manuell eingegebenen Daten ablesen können.

Beim Tracking geht es darum Daten über uns selbst zu sammeln, meist mit dem Ziel diese zu visualisieren und dementsprechend auszuwerten. Diese Daten bestehen unter anderem aus unserer Kalorien- Vitamin- und Makronährstoffzufuhr, der Tages-Aktivität, der Anzahl der täglichen Schritte und deren Strecke. Aber auch unsere verbrauchte Heizenergie, unsere Bildschirmzeit, Medien- und sogar unserer Schlafverhalten. Auch das Führen eines Journals oder Tagebuchs könnte man dem Tracking zu ordnen – meist können wir jedoch digital erfasste Daten in Applikationen hübscher aufbereitet einsehen.

Kontrolle & Selbstbestimmung

Unser Verhalten zu erkennen ist eine Form der Reflexion. Reflexion ist die Grundvoraussetzung dafür unser Verhalten auf Grund von rationalen Überlegungen zu verändern.
Nur wenn wir erkennen können was wir tun, können wir auch verstehen, was die Folgen unseres Handelns sind und in der Folge unser Verhalten so anpassen, dass sich unser Leben nach unseren Vorstellungen anpasst.

Das Tracking ist ein starkes Werkzeug zum Nachvollziehen unseres Verhaltens. Kennzeichnend ist dabei, dass wir abstrakte Daten sammeln, welche meist Ansammlung von Zahlen sind. Wir haben durch das Tracking die Möglichkeit unser Leben in abstrakten Daten zu verfassen, auf die wir uns verlassen können.

Unser Verhalten wird für uns selbst einfach einsehbar, wir können Entwicklungen über große Zeiträume schnell einsehen und dazu erscheint es uns so, dass die Daten eine gewisse Objektivität geben. Es sind Fakten – keine persönlichen subjektiv-verzerrten Einschätzungen mehr.
Hilfreich ist zusätzlich, dass die Daten bequem dank technologischer Errungenschaften und fast ohne Mühe erfasst werden können.

Vorteile vom Tracking

  • Wir können unser Verhalten verlässlich erfassen
  • Daten geben uns ein (scheinbar) objektives Bild
  • Es ist bequem (meist passiv) erfasst
  • Auf Basis von dieser Selbstreflexion können wir unser Verhalten ändern

Das Bedürfnis nach Selbstbestimmung

Eines unserer vier Grundbedürfnisse ist das nach Selbstbestimmung. Das Bedürfnis nach Selbstbestimmung können wir schon sehr früh bei Kindern sehen, wenn diese darauf bestehen selbst zu krabbeln oder sich sehr freuen, wenn sie etwas herunterwerfen können. Die Welt zu beeinflussen ist eine fundamentale Selbstwirksamkeitserfahrung, die menschlich sehr bedeutend ist.

Ohne den Drang zur Selbstbestimmung würden wir als Kinder die Welt nicht erforschen und lebenswichtige Zusammenhänge nicht erlernen. Wir würden in der Abhängigkeit verweilen, die wir als Kinder sehr stark zu unseren Eltern verspüren.

Aufgabe unserer Eltern, meist des Vaters, ist es das Kind dazu zu ermutigen „in die Welt“ zu gehen. Durch die klare Kommunikation, dass das Kind nicht nur es selbst sein darf, sondern auch dafür geliebt wird, sowie eine Unterstützung beim Aufbau von Kompetenzen zur Selbstbestimmung lernt das Kind dieses Bedürfnis selbst zu erfüllen.

Versäumen es die Eltern dieser Aufgabe gerecht zu werden, so ist das Kind früh im Bedürfnis der Selbstbestimmung frustriert. Es kann sein, dass die Eltern das Kind durch einen stark-autoritären Erziehungsstil unterdrücken oder es durch emotionale Manipulation in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Das Kind und später der Erwachsene schafft es dann nicht, seinen Tag entlang seiner eigenen Bedürfnisse zu strukturieren, Entscheidungen für sich selbst zu treffen, Grenzen zu ziehen und unabhängig von anderen zu werden.

Wenn Grundbedürfnisse nicht befriedigt werden, muss das Kind damit umgehen lernen. In der Psychologie (insbesondere der Schema-Therapie) geht man davon aus, dass sich dann Bewältigungsstrategien zur Anpassung an solche frustrierten Bedürfnisse, welche drei Stilen zugeordnet werden können: Die Vermeidung, die Unterwerfung und die Überkompensation.

Vermeidung

Bei der Vermeidung wird das Auslösen des Gefühls des Kontrollverlusts vermieden. Das heißt, es können sich Glaubenssätze und innere Dialoge bilden, die davon überzeugen sollen, dass man nichts kontrollieren könne, oder dies wird einfach verdrängt und vergessen. Das Drängen in eine Opferrolle und die Verteidigung dieser, sowie die Ablehnung von Verantwortung können die Lebensqualität dann als Erwachsener mindern.

Unterwerfung

Bei der Unterwerfung, oder auch Erdulden, wird der Kontrollverlust einfach akzeptiert. Menschen, die diesen Bewältigungsstil leben, erleben sich als nicht selbstbestimmt und fügen sich ein. Man könnte sagen, sie haben die Hoffnung verloren ihrer Selbstbestimmung nachzugehen.

Überkompensation

Bei der Überkompensation wird so getan, als wäre das Bedürfnis gar nicht frustriert, als wäre man besonders selbstbestimmt und als hätte man besondere Kontrolle über sein Leben. Das kann sich darin äußern, selten etwas delegieren zu wollen oder sich niemals führen lassen zu können.

Frustriertes Bedürfnis & Auswirkungen

Bleiben Bedürfnisse langfristig frustriert kann und wird es unserer Gesundheit schaden. Außerdem trägt es dazu bei, dass unsere Lebensqualität nicht so hoch ist, wie sie sein könnte.

Wenn wir unsere Selbstbestimmung vernachlässigen, kann dieser chronisch unterdrückte Drang zur Freiheit dazu führen, dass sich Aggression in uns aufstaut. Es kann aber auch sein, dass wir diese Aggression nach innen richten. Dann werten wir uns ab, oder wir erliegen innerlich dem Druck und werden depressiv.*

* Solltest Du solche Anzeichen bei Dir bemerken, bitten wir Dich einen Psychologen aufzusuchen. Umso früher man dies tut, umso leichter kann einem geholfen werden.

Wenn Tracking zu viel wird

Tracking ist eine Form der Selbstreflexion. Wie jede Form der Selbstreflexion kann dies ein Ausdruck des Ringens um Kontrolle werden. Wenn unser Bedürfnis nach Selbstbestimmung frustriert ist, wir also merken, dass wir uns machtlos fühlen oder uns vor Verantwortung fürchten, weil wir uns selbst nicht vertrauen, dann kann das Tracking ein Anzeichen sein, dass wir für dieses Bedürfnis sorgen müssen.

Das Tracking an sich hat – bis auf Datenschutz-Aspekte – kaum Gefahren. Jedoch kann es allein unser frustriertes, inneres Bedürfnis nach Selbstbestimmung nicht erfüllen. Ohne uns damit auseinanderzusetzen was wir wollen, was unsere Werte sind und wie genau wir unser Leben nach ihnen ausrichten wollen, kann uns eine Datenmenge nicht sagen wer wir sind, oder was wir tun sollten. Wir schauen dann nur auf unsere App und fragen uns, was wir mit diesen Daten anfangen sollen.

Das Tracking kann auch für die angesprochene Überkompensation missbraucht werden. Dabei tun wir vor uns selbst so, als ob die verschiedensten Daten und Auswertungen, die wir zur Verfügung haben bedeuten würden, dass wir besonders selbstbestimmt seien. Die Überkompensation ist ein gefährlicher Selbstbetrug, da das eigentliche Bedürfnis unerfüllt bleibt, oder zwar dieses kompensiert wird, andere Bedürfnisse aber auf Kosten des einen frustriert werden. Beispielsweise kann starke Selbstkontrolle und Disziplin dann dazu führen, dass wir nicht mehr spontan und lusterfüllt sein können. Es folgt irgendwann ein Ausbruch.

Fazit: Was uns Tracking geben kann und was nicht

Tracking ist ein modernes und ansprechendes Werkzeug zur Reflexion unseres Verhaltens. Reflexion ist die Grundlage der Veränderung unseres Verhaltens und damit ein erster Baustein zu einem selbstbestimmten Leben.

Entscheidend ist die Frage warum wir tracken. Einerseits kann das Tracking bei der Entwicklung von mehr Selbstbestimmung und Ehrlichkeit zu sich selbst führen, indem es eine Grundlage zur Selbstreflexion bietet, bisheriges Verhalten analysiert und neues Verhalten erprobt werden kann. Andererseits kann es auch als Überkompensation zu einer „Scheinselbstbestimmung“ oder zur Übertreibung kommen – bei beiden Varianten werden Bedürfnisse frustriert.

Wichtig ist also sich zu fragen, warum ich etwas tracke und welche psychologischen Effekte dies auf mich hat, sodass ich in der Lage bin, meine Bedürfnisse selbst zu erfüllen.

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