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In unserem Leben begegnen wir oft Menschen, welche wunde Punkte zu haben scheinen. Wenn diese berührt werden, reagieren die Menschen unserer Umwelt plötzlich mit einem Selbstschutz, den wir hier Schutzstrategie nennen.

Was diese Schutzstrategien genau sind, welche Ausprägungen es gibt und wie sie entstehen ist das Thema dieses Artikels.

Ein Beispiel

Anmerkung: Das Beispiel ist aus vielen verschiedenen Fallbeispielen zusammengestellt. Bei den vorgestellten Personen handelt sich nicht um reale Personen. Etwaige Ähnlichkeiten sind nicht beabsichtigt und reiner Zufall.

Thomas ist 26 Jahre alt und hat gerade sein Studium abgeschlossen. Es ihm gelungen eine Stelle in einer Beratungsfirma zu bekommen. Er freut sich aufrichtig über seine erste Arbeitsstelle, sein erstes Gehalt und die spannenden, neuen Aufgaben.

Nach den ersten Tagen merkt er, dass es noch sehr viel zu lernen gibt, was er in seinem Studium nicht erlernt hat. Er fühlt sich durch die komplexen, neuen Aufgaben überfordert. Da er als einziger Neuling in seinem Team arbeitet ist er auch der unerfahrenste in seinem Team. Wenn fachliche Dinge besprochen werden und er nach seiner Meinung gefragt wird, fühlt er sich unterlegen, überfordert und sagt meist nichts mehr.

Wenn seine Kollegen, dann nichts weiter dazu sagen, fühlt er sich in seine Schulzeit zurück versetzt in der er gemobbt wurde. Thomas‘ empfindet diese Fragen als Schikane und Bloßstellung. Deshalb stauen sich seit einigen Tagen regelrechte Aggressionen auf.

In einem der Teammeetings in den folgenden Tagen geht es um eine von Thomas‘ Leistungen, welche vom Team reviewed wird. Es ist offensichtlich, dass Thomas‘ fachliche Fehler gemacht hat. Statt diese jedoch einzugestehen und die konstruktiv vorgetragene Kritik anzunehmen, geht er zum Angriff über. Er beschuldigt seine Kollegen ihm nicht genug geholfen zu haben, sowie die Vorgesetzten und die Infrastruktur im Unternehmen, für die Fehler verantwortlich zu sein.

Auf diese Weise wendet Thomas die Schutzstrategie des Angriffs an. Seine Kollegen nehmen dieses Verhalten als unangemessen und sehr destruktiv wahr. Doch warum genau verhält sich Thomas so?

Ursachen

Als Thomas klein war wurden in seiner Schulzeit sein psychologisches Grundbedürfnis nach Verbundenheit und nach Selbstwerterhöhung durch das gewaltvolle Mobbing stark frustriert. Dieser Zustand hielt sehr lange an, ohne dass Thomas wirklich eine Möglichkeit gesehen hat, diese Probleme zu lösen.

Nach einiger Zeit ging Thomas dazu über seine frustrierten Bedürfnisse zu überkompensieren. Dieser Bewältigungsstil der Überkompensation ist charakterisiert dadurch, dass die Person so tut, als wären die Bedürfnisse gar nicht frustriert – als wären sie sogar überbefriedigt.
In Thomas Fall äußerte sich dies dadurch, dass seine Psyche dafür sorgte, dass er sich selbst als übermäßig wertvoll betrachtete und so als wäre er etwas Besseres als seine Gleichaltrigen. Außerdem schützte er sich durch das Gefühl niemanden „minderwertigen“ zu brauchen davor sich einsam zu fühlen.

Einschub: Andere Stile der Bewältigung sind die Unterwerfung und die Vermeidung. Bei der Unterwerfung unterwirft sich die Person den frustrierten Bedürfnissen – diese werden als unerfüllbar akzeptiert und dies meist in die Persönlichkeit integriert. In Thomas Fall wäre das der Glaubenssatz: „Ich gehöre nicht dazu und ich bin wertlos“ und im extremen Fall sogar „Ich verdiene es gemobbt zu werden.“.

Im Gegensatz dazu ist die Vermeidung ein Mechanismus innere Probleme zu vergessen und zu verdrängen. Hier werden die frustrierten Bedürfnisse nicht anerkannt und deren Ursache überspielt, verdrängt oder vergessen.

Zurück zu Thomas Fall: Seine Überkompensation schützte ihn davor fühlen zu müssen, dass seine Bedürfnisse nach einem hohen Selbstwert und Verbundenheit frustriert sind – er muss sich also nicht allein und wertlos fühlen. Die abwertende Haltung gegenüber anderen, die Thomas dann einnimmt, wenn er sich in die Ecke gedrängt fühlt, ist die Grundlage für den Angriff.

Der Angriff selbst führt dann dazu, sich abzugrenzen, zu wehren und das Verhalten anderer zu unterbinden. Umso stärker Thomas‘ andere angegriffen hat, umso weniger wurde er gemobbt. Seine Schutzstrategie wurde also sozial belohnt und es hat sich eine selbstverstärkende Dynamik entwickelt. Der Angriff hat dabei die Funktion Macht zu gewinnen. Diese Macht will Thomas jedoch nur aus einer Not heraus gewinnen – es geht hier nicht um die Macht selbst, es geht vielmehr um das Signal: „Lasst mich in Ruhe!“.

Frustration von Bedürfnissen

Unser Beispiel zeigt, was passiert wenn frustrierte Bedürfnisse nicht bearbeitet und früh erworbene Verhaltensmuster nicht reflektiert werden.

Für Thomas waren die Mobbing-Erfahrungen prägend und die erlebte Gewalt sehr bedrohlich. Deshalb war der Erwerb einer Schutzstrategie auf innerer und äußerer Ebene für ihn existenziell wichtig. Später hat Thomas seine schwierigen Gefühle nicht reflektiert und trägt seine offenen Wunden weiter in seinem erwachsenem Leben mit sich herum.

Diese wunden Punkte werden dann durch harmlose Situationen in der Außenwelt getriggert und damit Thomas alte, aber heute unangemessene Schutzstrategie aktiviert. Das müsste so nicht sein!

Wir bei herziq.ch gehen davon aus, dass fast alle zwischenmenschlichen Probleme, welche keinen Sachbezug haben, auf die eine oder andere Weise auf solche Dynamiken und letztlich auf frustrierte Bedürfnisse zurückzuführen sind. Es sind nicht unsere Bedürfnisse direkt, die uns das Leben schwer machen – es sind meist früh erworbene Schutzstrategien welche zu unserer heutigen, erwachsenen Situation nicht mehr passen und deshalb unsere Lebensqualität einschränken. In Thomas‘ Fall hat sein Angriff seine junge Karriere empfindlich beschädigt.

Weitere Beispiele für Schutzstrategien

Zwei weit verbreitete Schutzstrategien sind die der Vermeidung und der Selbstwerterhöhung.

Zu Schutzstrategien der Vermeidung gehören unter anderem die Verhaltensweisen des Drogenkonsums, des übermäßigen Essens, Briefe nicht zu öffnen oder Konflikten aus dem Weg zu gehen.

Bei frustriertem Selbstwert gibt es Schutzstrategien zur Erhöhung dieses Selbstwertgefühls, beispielsweise durch übermäßige Leistung, durch Statussymbole oder durch Abwertung anderer bis hin zum Sadismus.

Es gibt noch zahlreiche weitere Schutzstrategien wie Aggressivität, Narzissmus, selbstverletzendes, promiskuitives oder manipulatives Verhalten.

Schutzstrategie ablegen

Das Wort Schutzstrategie sagt es bereits: Die Strategie beschützt uns. Es macht deshalb wenig Sinn nur an den Symptomen zu arbeiten. Wie wir in Thomas Fall gesehen haben, hätte Thomas auch ganz andere Schutzstrategien zur Bewältigung seiner frustrierten Bedürfnisse erwerben können. Wäre er eher ein Vermeider, hätte er heute vielleicht problematisches Essverhalten oder würde Drogen konsumieren, statt sich aggressiv zu Verhalten. Die Ursache ist jedoch die gleiche. Deshalb ist eine Vorrausetzung zum Ablegen der Schutzstrategie, diese nicht mehr nötig zu machen.

Wirklich unnötig wird unsere Schutzstrategie für uns nur dann, wenn unsere inneren Bedürfnisse erfüllt werden. Das ist auch der Grund, warum ein Alkoholiker dann besonders gefährdet ist, wenn andere Stress- oder Leidensfaktoren in seinem Leben aktiviert werden – beispielsweise wenn er gerade eine Trennung oder einen Todesfall erlebt. Ist er jedoch stabilisiert durch Familie und Umfeld und erfüllt damit seine Bedürfnisse (beispielsweise nach Verbundenheit), so ist der Alkohol weniger reizvoll, da seine betäubende Funktion weniger gebraucht wird.

Die Erfüllung von Bedürfnissen beginnt mit Reflexion. Zuerst kann sich das problematische Verhalten angeschaut werden, welches uns Rückschlüsse auf unsere frustrierten Bedürfnisse ziehen lässt. Erst wenn diese klar sind und uns insbesondere der Zusammenhang zu unserem problematischen Verhalten sinnvoll erscheint, kann nach Alternativen gesucht werden, unsere Bedürfnisse zu erfüllen.

Zusammenfassung

  • Frustration von Bedürfnissen muss bewältigt werden, wenn diese anhaltend nicht erfüllt werden
  • Bewältigung von dieser Frustration geschieht durch drei Bewältigungsstile: Überkompensation, Unterwerfung oder Vermeidung
  • Alle drei Ausprägungen schützen uns vor der Konfrontation mit dem frustrierten, inneren Bedürfnis
  • Schutzstrategien schützen unserer jetziges Selbst und sorgen dafür, dass wir so bleiben wie wir sind
  • Oftmals sind die Schutzstrategien für einen erwachsenen Menschen unangemessen und schränken unsere Lebensqualität ein
  • Das Ablegen der Schutzstrategien ist nur dann möglich, wenn die beschützten inneren Bedürfnisse nachhaltig erfüllt werden

Fazit

Ein Leben voller erfüllter Bedürfnisse ist ein gutes Leben. Innerer Frieden durchdringt uns dann und wirkt sich auf alle Bereiche des Lebens aus. Beispielsweise ist es dann einfacher Gewicht zu verlieren, wenn wir uns nicht mehr mit Essen betäuben müssen. Es ist einfacher die Energie für eine tolle Karriere aufzubringen, wenn wir zufrieden sind und gut schlafen können und es ist einfacher mit anderen Menschen verbunden zu sein, wenn wir mit uns selbst verbunden sind. Dysfunktionale Muster beginnen zu verschwinden, während Zufriedenheit und Grundglück unser Leben bestimmen.

Wenn es dich interessiert aus der Analyse deiner Schutzstrategien Deine frustrierten Bedürfnisse zu erkennen und Dich für die Erfüllung dieser einzusetzen, sowie zu lernen wie genau Du das tun kannst, dann sieh Dich doch einmal auf unserer Website herziq.ch um, dort findest Du weitere Folgen wie diese, Blog-Artikel, sowie weitere Informationen zu unseren Produkten und Dienstleistungen rund um das Thema der emotionalen Intelligenz im Umgang mit Dir selbst.

Vielen Dank fürs Lesen!

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