Der Kontakt zu den eigenen Eltern ist die erste und vermutlich intensivste zwischenmenschliche Erfahrung, die wir machen. Es sind unsere ersten Bezugspersonen und wir sind ihnen als Kinder vollständig ausgeliefert. Unser Überleben liegt in ihren Händen und sie haben die Pflicht für uns zu sorgen.

Für uns zu sorgen, heißt nicht nur dafür zu sorgen, dass wir überleben – das gelingt in der heutigen Zeit und der westlichen Welt sehr gut, besser als nie zuvor. Doch ihre Aufgabe ist es auch, für unsere psychologischen Bedürfnisse zu sorgen. Uns zu lieben, uns zu zeigen, dass wir wertvoll sind, uns Spaß zu bereiten und Schmerz zu vermeiden und uns letztlich dazu zu ermutigen, die Abhängigkeit der Kindheit zu verlassen und selbstbestimmt zu leben.

So eine enge Bindungserfahrung, wie in der Kindheit machen wir nie wieder. Schließlich sorgen unsere Eltern täglich dafür das wir überleben. Als Erwachsene machen wir nie oder nur sehr selten diese Erfahrung – wir sind niemandem so sehr ausgeliefert. Jetzt sind wir dran für unsere Bedürfnisse zu sorgen.

Die Verbindung zur Familie hat in vielen Kulturen einen sehr hohen Stellenwert. Den Kontakt zur eigenen Familie zu verlieren, war in der Zeit, in der sich unser Gehirn evolutionär entwickelt hat, oft ein Todesurteil. Das Individuum war zu schwach und die Welt zu bedrohlich.

Heute ist das anders. Die Bedrohungen sind fort und das Individuum ein Selbstversorger, der unabhängig ist. Dennoch gibt es kulturell einen hohen Druck der Familie gegenüber loyal zu sein.

Unabhängig von dieser kulturellen und vielleicht auch evolutionären Prägung ist es uns ein Anliegen, zu den Menschen, die uns einmal so nah waren – die uns nackt und schutzlos erkannt haben – ein gutes Verhältnis zu pflegen. Deshalb kann der Schritt den Kontakt abzubrechen, niemals leichtfertig sein. Warum Menschen ihn dennoch gehen, ist heute unser Thema.

Die Gründe

Die Gründe für einen Kontaktabbruch können vielfältig sein. Oft wird dabei angenommen es läge an der Vergangenheit, in der Zeit also, in der das Kind abhängig war und es die Rollen Eltern und Kind gab. Diese Sicht allein ist jedoch nicht ausreichend – denn der Bruch passiert meist, nicht in dieser Rolle – da ein wirklich abhängiges Kind dazu nicht in der Lage wäre.

Die Vergangenheit spielt aber, wie in jeder Beziehung, eine große Rolle. Gemeinsam erlebte, schöne Momente zahlen auf das Beziehungskonto ein, während negative Erfahrungen davon abheben. Dieses Beziehungskonto, bestimmt wie stark eine Bindung ist, wie verlässlich, wie ehrlich, wie gesund.

Im Moment eines Bruchs gibt es immer einen Bezug zum Hier und Jetzt. Denn selbst wenn sich beim Bruch, nur auf die Vergangenheit bezogen wird, so ist es das Hier und Jetzt, indem Schmerzen fühlbar sind – auch wenn diese mit der Vergangenheit zu tun haben mögen.

Die Eltern können, wie ein Symbol, diesen Bezug zur Vergangenheit immer wieder darstellen. Dabei werden Emotionsmuster dadurch aktiviert, dass ähnliche Situationen oder Reize wie zum Zeitpunkt der negativen Erfahrung, oder sogar des Traumas wahrgenommen werden. Man spricht hier von einem Trigger (dt. „Auslöser“). Dieser Auslöser aktiviert einen komplexen Prozess, der in jedem Fall anstrengend und in manchen Fällen sogar schädlich sein kann. Ein Grund für einen Kontaktabbruch kann also sein, diesen Triggern aus dem Weg zu gehen.

Ein weiterer Grund kann sein, dass der Kontakt zur eigenen Familie – vielleicht sogar ohne jeglichen Bezug zur Vergangenheit – Bedürfnisse frustriert und Grenzen überschreitet. Eine Beziehung zu einem Familienmitglied, ist nicht ausgenommen von den Spielregeln einer sonstigen Beziehung. Es müssen Bedürfnisse gehört und toleriert werden, es muss Respekt und Anstand gewahrt werden und es müssen Grenzen geachtet werden. Das bedeutet es, wenn man sich um eine Beziehung bemüht. Man kann sich nämlich nur dann auf jemanden beziehen, wenn man hört, was der andere wünscht, es toleriert, es respektiert und die Grenzen des nderen achtet. Insbesondere gehört dazu, das Kind als Wesen wahrzunehmen, welches genau wie alle anderen im Umfeld der Eltern, Grenzen ziehen darf, Bedürfnisse und Interessenskonflikte haben darf. Die Vorstellung, dass das Kind jetzt Erwachsen ist und insbesondere, nicht abhängig und damit kein Machtgefälle mehr besteht, ist für viele Eltern sehr schwer. Doch Macht, ist keine Liebe. Die Angst vor sozialer Repression, ist keine Liebe. Liebe ist, zu geben, ohne zu erwarten.

Wenn diese Spielregeln zwischenmenschlichen Zusammenlebens gebrochen werden, dann entstehen Konflikte. Und Konflikte können entweder erduldet (Freeze), bekämpft (Fight), oder vor ihnen geflüchtet (Flight) werden. Also Freeze, Fight oder Flight. Wenn man sich liebevoll begegnen will, kann der Kampf um die Beziehung darin bestehen Grenzen zu äußern, Bedürfnisse klarzustellen und ebenjene genauso auch zu hören. Das ist die Verhandlung, die in jeder Beziehung geführt wird.

Scheitert diese Verhandlung, indem eine Einigung nicht gefunden werden kann. So bleiben nur Erduldung und Flucht. Wenn man sich liebevoll begegnet, dann kann das Erdulden nicht das Ziel sein, denn es ist die Frustration von Bedürfnissen und damit die Unterdrückung unserer Gefühle. Unterdrückung der emotionalen Reaktion auf das Überschreiten von Grenzen macht uns krank – und wer uns liebt, will uns nicht krank sehen. Was uns dann also bleibt, ist die Flucht.

Jeder Mensch hat ein unbedingtes Recht. Das Recht, Nein zu sagen. Das Recht wegzugehen. Im Gegensatz dazu, gibt es kein Recht auf eine Ei  nigung zu den Konditionen eines anderen. Wir sind frei, auch wenn um unsere Familie geht.

Die Konsequenzen

Wenn man sich entscheidet, den Kontakt zur Familie abzubrechen, dann ist das in erster Linie eines: schmerzhaft. Umso tiefer eine Beziehung ist, umso schwerer wiegt der Trennungsschmerz. Umso schlimmer ist die Wut, die Frustration, die Trauer, vielleicht sogar die Verzweiflung.

Es muss sich wohlüberlegt werden, ob man bereit ist diesen Schmerz zu ertragen, um für seine eigenen Bedürfnisse und Grenzen einzustehen. Auch sozial wird man, da die Familie der Kern unserer Gesellschaft ist, schnell merken, wie es ist eine Pflanze ohne Wurzeln zu sein.

Zu jedem Weihnachten und zu jedem Osterfest ist man potenziell allein, denn die allermeisten anderen Menschen, verbringen diese Zeit bei ihrer Familie. Auch in Notsituationen ist man eher allein. Es gibt niemanden, der einem als Student finanziell aushilft. Es gibt niemanden der einem einen Schlafort anbietet. Und es gibt keine Geschäftskontakte des Vaters von deren Vitamin B man profitieren könnte.

Doch das hat auch Vorteile. Wir lernen, damit umzugehen. Wir werden resilient und machen Selbstwirksamkeitserfahrungen – wie wir uns aus misslichen Lagen selbst befreien können. Und niemand kann uns unseren Erfolg nehmen, indem er behauptet, wir kämen ja nur aus „gutem Hause“.

Wertschätzung

Wenn man eine Familie hat, bei der im Großen und Ganzen – da wo es darauf ankommt – Grenzen und Bedürfnisse geachtet werden, wo man sich arrangieren kann, vielleicht sogar Halt und Unterstützung findet – dann gibt es nichts was man mehr schätzen sollte. Wir können dankbar dafür sein, wenn wir solche Vorfahren haben und dieses Glück so weitergeben.

Wir können uns bemühen, in dem wir Grenzen achten und auf Bedürfnisse Rücksicht nehmen. Wir können die verschiedenen Beziehungen innerhalb unseres komplexen Familiengeflechts pflegen, indem wir zuhören, aber auch den Mund aufmachen.

Fazit

Die Familie besteht aus einem Geflecht aus einzelnen Sozialbeziehungen, die alle einzeln und im Gefüge betrachtet werden müssen. Dieses Geflecht kann ein Geschenk oder eine Last sein, ist aber meist beides. Es ist deshalb wichtig genau zu wissen, was die eigenen Grenzen und Bedürfnisse sind und wie diese innerhalb dieses Systems bewegt werden können. Dieses Gebilde zu pflegen und aufrecht zu erhalten oder es zu verlassen kann uns helfen uns selbst zu finden und uns letztlich stärken. In jedem Fall ist die Familie äußerst wichtig und hat unsere Aufmerksamkeit innerlich wie äußerlich verdient.

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