Intensive körperliche Nähe, eine gemeinsame Lebensgestaltung und enorme Vertrautheit macht für die meisten Menschen, die Beziehung zu ihrem Partner so besonders. Unser Partner ist der Mensch mit dem wir uns am wohlsten fühlen. Kaum einen anderen Menschen lassen wir so nah an uns heran.

Gerade wegen dieser Wärme und Nähe kann es manchmal schwerfallen zu erkennen, dass auch diese Verbindung keine Verschmelzung beider Personen ist. Mein Partner und ich, wir sind immer noch Individuen. Demzufolge existieren zwischen uns – wie in jeder Beziehung – auch Grenzen.

Warum Begrenzung auch in einer Partnerschaft wichtig ist und wie wir dies beziehungsfördernd gestalten können ist Inhalt dieses Artikels.

Selbstbestimmung und Orientierung

Eines unserer vier psychologischen Grundbedürfnisse ist das nach Selbstbestimmung. Oft wird auch von dem Bedürfnis nach Orientierung gesprochen.

Stellen wir uns vor, dass wir in der Welt nicht wüssten, wo unser Körper aufhört – also beispielsweise keinen Tastsinn mehr hätten – so würde es uns schwer fallen uns zu orientieren und uns zu bewegen. Wir müssen wissen, wo die Grenze zwischen uns und der Welt verläuft, damit wir uns in ihr gut bewegen können.

So wie wir uns in der physischen Welt zurechtfinden können wollen, so wollen wir auch in zwischenmenschlichen Beziehungen wissen, woran wir sind. Wir müssen wissen müssen wo wir aufhören und wo der andere Mensch anfängt. Deswegen ist es wichtig anderen unsere Grenzen aufzuzeigen und diese ebenso aufgezeigt zu bekommen.

Was sind soziale Grenzen?

Eine soziale Grenze ist ein Ausdruck dessen, was uns von jemand anderem trennt. So wie es der Tastsinn ist, der uns klar macht, was zu unserem Körper gehört und was nicht, so sind soziale Grenzen der Ausdruck davon, was uns von anderen trennt.

Die allgegenwärtigste Form von Grenzen sind allgemein anerkannte soziale Konventionen – also die unausgesprochenen Spielregen gesellschaftlichen Zusammenlebens. Sie regeln beispielsweise ganz ohne Absprachen wie nah wir uns räumlich kommen können, oder dass wir uns zum Beginn eines Gesprächs begrüßen und zum Ende verabschieden. Diese Konventionen geben uns eine Grundorientierung, wie wir miteinander umgehen können, da sie uns helfen uns darauf verlassen zu können, welche Aktionen angemessen sind und welche nicht.

Umso näher wir jemandem kommen, umso weniger können uns allgemeine Regeln helfen. Wir alle sind Individuen und haben ganz unterschiedliche Grenzen. Auch Institutionen wie Religion oder Tradition geben uns immer weniger Anleitung, welche Spielregeln es für welche Situation gibt – willkommen im Individualismus des dritten Jahrtausends. Deshalb ist es besonders wichtig die Kompetenz zu erwerben Grenzen individuell mit unserem Gegenüber auszuhandeln.

Grenzen in Beziehungen

Das Wort Beziehung beinhaltet es, dass wir uns auf jemand anderen beziehen können. Ohne das jemand einen festen Standpunkt für uns bietet – sich also auch abgrenzt – wird es schwer sich auf etwas konkretes zu beziehen. Grenzen gesetzt zu bekommen ist also ein Ankerpunkt für uns, der Beziehung erst ermöglicht.

Grenzen geben uns Halt, da wir dann wissen was wir nicht dürfen. Dies zu wissen, sagt uns in der Folge dann auch, was wir ganz frei tun können. Die Freiheit hört erst dort auf, wo die Grenzen des anderen überschritten werden – sind uns diese unklar macht uns das unsicher.

So hängt auch Respekt mit dem Setzen von Grenzen zusammen – wir bei herziq.ch würden so weit gehen, dass Respekt nichts anderes bedeutet, als gesetzte Grenzen zu achten und bei Grenzübertretung eine Lösung zu suchen.

Verantwortung übernehmen – Grenzen klar und deutlich formulieren

Wir leben in einer Kultur, in der die Tradition und Religion immer schwächer werden. Diese regelten in der Vergangenheit stärker was unsere Spielregeln sind – teilweise sogar bis in den hoch privaten Bereich der Ehe und Sexualität hinein.

Der Individualismus und der Pluralismus schaffen hier Freiheiten, die große Lücken bei unausgesprochenen Spielregeln hinterlassen. Deswegen muss über Grenzen gesprochen werden.

Wir bei herziq.ch sind deshalb der Meinung, dass es ganz an uns selbst liegt, diese Grenzen klar und deutlich zu formulieren. Ein anderer kann schlicht nicht wissen, was unsere Bedürfnisse und Grenzen sein mögen.

Der beste Zeitpunkt Grenzen zu formulieren ist sofort dann, wenn diese überschritten wurden, denn meist geschieht das in einem harmlosen und kleinen Maß. Es gilt in den allermeisten Fällen: „Besser früh als spät.“. Es fällt uns dann leichter zu verzeihen und dem Anderen fällt es leichter das Gesicht zu wahren.

Ein gutes Beispiel wäre hier das spontane Besuchen. Für manche Menschen ist das jederzeit in Ordnung, für andere eine Grenzverletzung. Kommuniziert man sofort und direkt bei einem spontanen Besuch, dass dies nicht in Ordnung ist, so könnte das so aussehen: „Ach schön, dass Du vorbeigekommen bist, aber ich habe das eigentlich nicht so gern spontan Besuch zu bekommen. Bitte mach das in Zukunft nicht mehr.“.

Wird diese Grenze jedoch nicht kommuniziert und damit das Verhalten früh akzeptiert, so etabliert sich eine Gewohnheit – im Recht spricht man sogar vom „konkludenten Handeln“, als eine stillschweigende Willenserklärung durch schlüssiges Verhalten. Erst nach zwanzig ungewollten Besuchen einmal anzusprechen was uns stört könnte in uns in Schwierigkeiten bringen. Eventuell kommen dann alle Frustrationen in einem Mal hoch, was sich dann in einem regelrechten Wutausbruchen äußert, den unser Gegenüber nicht nachvollziehen kann. Außerdem löst es in dem Anderen Scham und Irritation aus, schließlich muss dieser sich fragen, ob er bei neunzehn vorhergegangenen Besuchen den anderen unwissentlich belästigt hat.

Wichtig ist hierbei, die Grenze auch direkt zu formulieren, also es nicht bei vermeintlich „deutlichen“ Andeutungen zu belassen, sondern klar zu sagen, was der andere nicht mehr tun soll. Beispielsweise wäre es nicht sehr deutlich zu sagen: „Ach schön, dass Du vorbeigekommen bist, aber ich habe das eigentlich nicht so gern spontan Besuch zu bekommen. Bei Dir mache ich aber eine Ausnahme.“ Der andere könnte dann verstehen, dass die Beziehung so vertraut ist, dass es einen zwar sonst stört, aber mit dieser einen Person eben nicht. Wir müssen also darauf achten direkt zu sein und können umso früher wir Dinge ansprechen auch umso wohlwollender mit dem Gegenüber umgehen.

Grenzen achten

Genauso wichtig, wie Grenzen klar zu setzen, ist es, diese auch zu achten. Es liegt zwar in der Verantwortung des Gegenübers seine Grenzen klar zu kommunizieren, aber wir können diese meistens mit etwas Feingefühl auch erahnen, auch wenn das nicht unsere Verantwortung ist.

Wenn wir uns unsicher über die Grenzen des anderen sind, so können wir diese auch aktiv einfordern. Das wäre dann aus unserer Perspektive die klare Kommunikation davon, dass wir eine Beziehung ohne klare Spielregeln nicht eingehen.

Wenn wir jedoch die Grenzen eines anderen Menschen missachten, obwohl diese klar ausgedrückt worden sind, so können wir nur noch um Entschuldigung bitten und auf diese Weise ausdrücken, dass wir den anderen achten und respektieren.

Zusammenfassung

  • Selbstbestimmung (oder auch Orientierung) ist ein psychologisches Grundbedürfnis
  • Grenzen zu setzen ist Ausdruck unserer Selbstbestimmung
  • Grenzen von anderen helfen uns, uns sozial zu orientieren
  • Im sozialen Kontext sind Grenzen das, was uns von anderen unterscheidet (abgrenzt)
  • Diese Abgrenzung hilft uns dabei uns auf einen anderen zu beziehen, da die Grenze des Gegenübers für uns wie ein Ankerpunkt wirkt
  • Grenzen zu ziehen, gibt dem anderen Halt, da sie eine rote Linie markieren. Das stärkt die Beziehung und fördert Respekt.
  • Grenzen zu ziehen, nimmt dem anderen Unsicherheiten. Er kann sich bei uns frei fühlen, da er sich darauf verlassen kann, dass wir unsere Grenzen klar äußern.
  • Grenzen klar, deutlich und wohlwollend zu formulieren ist unsere Verantwortung
  • Grenzen kommuniziert zu bekommen ist nicht unsere Verantwortung – dennoch können wir diese versuchen zu erahnen oder direkt einfordern
  • Wenn wir Grenzen missachten, sollten wir um Verzeihung bitten und Wiedergutmachung vorschlagen

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